Self and Other through a lens // Ein Kommentar zum Vortrag von Paulo Favero // Maria Prchal

Radikales Hinterfragen von Feldforschungspraktiken – das kann der visuelle Anthropologe Paulo Favero gut, wie er in seinem Beitrag für das Institutskolloquium gezeigt hat. 

Favero hat mit seiner Kamera in verschiedenen Einrichtungen in Neu-Delhi geforscht – Altersheime, Obdachlosenunterkünfte und andere Orte der Versorgung für marginalisierte Gruppen. Er wollte die Präsenz des Todes in der Gesellschaft untersuchen und hatte dafür einen ungewollt ‚passenden‘ Zeitpunkt gewählt: im Herbst 2019 war Delhi von besonders schlimmer Luftverschmutzung geplagt, dann erschütterten Proteste das Land und schließlich zwang der Corona-Virus Indien in einen Shutdown – der Zeitpunkt, an dem Favero seine Forschung abbrechen musste und nach Europa zurückreiste.

Im Vordergrund seines Vortrags standen allerdings nicht seine Forschungsergebnisse zum Thema Tod, sondern methodologische Überlegungen zum Forschen unter dem direkten Eindruck von Tod und Bedrohung.

Die Forschung mit der Kamera scheint durch ihre fixierte Dokumentationsform das etablierte Paradigma einer dichten Beschreibung herauszufordern. Die Kamera schränkt durch ihren Bildausschnitt ein und gibt vor, was gefilmt wird. Doch genau dieser vorgegebene Fokus, den die Kamera mitbringt, könne laut Favero offener machen für die Eindrücke des Feldes. Denn: Nicht wir sollten das Feld vereinnahmen, sondern das Feld sollte uns vereinnahmen. Der/die Forschende müsse die Eindrücke mehr auf sich wirken lassen, anstatt sie sofort zu kategorisieren und zu interpretieren. Das könne durch das Einfangen mit der Kamera besser gelingen. In diesem Sinne spricht Favero im Sinne von Kirsten Hastrup (1992) davon, eine dünne Beschreibung zu generieren. 

Doch ist eine Aufnahme wirklich „ungefilterter“ als ein Eintrag in ein Feldforschungstagebuch? Hier geht es nicht darum, eine authentische Wiedergabe des Erlebten zu erzeugen, sondern die Künstlichkeit der Aufzeichnungsformen zu erkennen. 


Den Wert einer multimedialen Ethnografie verdeutlichte Favero mit einem Beispiel: Vor seinem Vortrag ließ er uns Audiospuren seiner Feldaufzeichnungen zukommen und interpretieren. Durch die rein auditive Ebene war es oft nicht einmal möglich zu erkennen, ob ein Mensch, ein Tier oder eine Maschine zu hören war. Es braucht mehrere Ebenen, um den Kontext begreifen zu können. Durch die Kombination verschiedener Medien gleichen sich ihre Stärken und Schwächen aus, was Favero als Vorreiter einer multimodalen Anthropologie noch einmal betonte.

Besonders in der visuellen Anthropologie verlangt die Rolle der Kamera nach einem stetigen Reflexionsmoment.  Es besteht die Gefahr, alles, was nicht aufgenommen wurde, auszublenden und damit zu vergessen – auch den Kontext der Situation sowie den Einfluss des Filmens selbst auf die Szene. Denn wird etwas aufgenommen, beeinflusst die Kamera im Raum und das Wissen, gefilmt zu werden, das Verhalten der Gefilmten. Favero hat dementsprechend die Kamera als gestaltenden Akteur der Szene begriffen. Während seines Vortrags reflektierte er nicht nur darüber, was und wen er filmte, sondern ebenso was und wen nicht. Wieso er manchmal die Kamera auf eine bestimmte Szene lenkte und von manchen wieder abschweifte, konnte er im Nachhinein teilweise gar nicht mehr rekonstruieren.  Indem er einzelne Beforschte manchmal selbst die Kamera führen ließ, bezog er sein Feld noch stärker in die Forschung ein.

Weiters ist er darauf eingegangen, wie sich die Rollen während der Feldforschung umgedreht haben – er wurde vom Forschenden zum Beforschten. Diesen Prozess hat er mit der Kamera festgehalten. Dazu erklärte er, es sei gut, mit den Forschungssubjekten im Feld persönliche Beziehungen einzugehen, um die Hierarchien zu verflachen, und keine Angst vor einem „going native“ zu haben. Bei ihm äußerte sich das etwa so, dass ihn einzelne ältere Männer ‚adoptierten‘. Favero erzählte im Vortrag bereitwillig, dass dies aufgrund des Verlusts seines Vaters für ihn besonders wichtig war.

Diese Umkehr habe ich nicht als durch das Feld generiert wahrgenommen, zumindest in dem Material, das Favero uns während des Vortrags zeigte. Meiner Ansicht nach vereinnahmt er als Forscher das Feld aufs Neue, nicht umgekehrt. Seine Herangehensweise, als Forschender persönliche Beziehungen zuzulassen, verkompliziert seine Rolle. So zeigten die gefilmten Situationen, die wir sehen konnten, auf den ersten Blick weniger klassische Interviews, als „alltägliche“ Dialoge zwischen Favero und den Forschungssubjekten. An diesen dialogischen Sequenzen machte er deutlich, wie stark die Männer ihn umsorgten, obwohl sie ja eigentlich in diese Einrichtungen kommen, um selbst Unterstützung zu erfahren.

Das ist für mich eine sehr interessante Entwicklung der Beziehungen. Allerdings hätte ich mehr Reflektion der sozialen Positionen der Beteiligten gewünscht. Kommt ein westlicher Akademiker in Räume für marginalisierte Gruppen in Delhi, ist es meiner Meinung nach angebracht, über Hierarchieverhältnisse auf mehreren Ebenen nachzudenken. So fehlten im Vortrag meiner Meinung nach zusätzlich seinen Überlegungen zur visuellen und multimodalen Anthropologie ebenso Überlegungen zur postkolonialen Ethnografie und Anthropologie.

Favero hinterfragt unsere Position im Feld und damit unsere Feldforschungs-praktiken, die er durch visuelle Anthropologie erweitern will. Erweiterung und Reflektion der Methoden sind unerlässlich für ein Fach, und bereichern zusätzlich mein Repertoire als Studentin. Einem „going native“ zu entgehen, bedeutet für mich, die eigene Rolle als Forschende/r stetig vor Augen zu bewahren. Vielleicht hilft die Kamera dabei sogar, als ständige materielle Erinnerung an die Forschungssituation. Ich denke ebenfalls, es ist wichtig, die Kamera als Aktant im Feld ernst zu nehmen, da sie Situationen beeinflusst. Einerseits birgt dieser Aufzeichnungsmodus das große Potenzial, das Material im Nachhinein noch einmal mit Abstand zu sichten (visuell und auditiv). Andererseits darf dabei das Setting, das die Kamera produziert, nicht übersehen werden. Jedoch gehört für mich zur Reflektion der Position im Feld auch, die Beziehungen zwischen den Akteur*innen zu hinterfragen und mögliche Hierarchien mitzubedenken.

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